Mehr als nur „Mundübungen“: Wer braucht mundmotorische Therapie und welche Ziele unterstützt sie?

Alona Novak, Logopädin
Bildung

Worum geht es in diesem Beitrag?

• Wer tatsächlich von mundmotorischen Übungen profitiert – und wer nicht

• Welche therapeutischen Ziele diese Übungen unterstützen können – und welche nicht

• Wo die Evidenz stark ist und wo sie weiterhin begrenzt ist

• Warum das Üben zu Hause entscheidend für Fortschritte zwischen den Therapiesitzungen ist

Mundmotorische Übungen werden häufig einfach mit „Mundübungen“ gleichgesetzt. In der Logopädie können sie jedoch einem deutlich umfassenderen Zweck dienen. Wenn sie von Logopäden gezielt ausgewählt werden, können mundmotorische Übungen Kraft, Bewegungsumfang, Koordination, Ausdauer und Wahrnehmung von Lippen, Zunge, Wangen, Kiefer und Gaumensegel unterstützen. In der Dysphagietherapie können entsprechende Übungen außerdem auf die am Schlucken beteiligte Muskulatur von Pharynx, Larynx und Atmungssystem abzielen.

Die ASHA beschreibt die Behandlung von Dysphagien bei Erwachsenen als Kombination aus Schluckübungen, kompensatorischen Strategien, Anpassungen von Kost und Konsistenz sowie Beratung und Aufklärung. Mundmotorische Behandlungsansätze reichen dabei von passiver Stimulation über aktive Bewegungsübungen bis hin zu Widerstandsübungen sowie Kau- und Schluckübungen.

Der wichtigste Punkt ist: Bei mundmotorischen Übungen geht es nicht einfach darum, „den Mund zu kräftigen“. Ihr Ziel ist es, alltagsrelevante Funktionen wie Essen, Trinken, Speichelkontrolle, sicheres Schlucken und die Zungenruhelage zu unterstützen sowie die Rehabilitation nach Verletzungen, Erkrankungen oder Operationen zu fördern. Die Evidenz ist für schluck- und ernährungsbezogene Ziele am stärksten. Wie weiter unten erläutert wird, sind nicht-sprachliche mundmotorische Übungen hingegen nicht als Behandlung zur Verbesserung der Lautproduktion belegt.

Was sind mundmotorische Übungen?

Mundmotorische Übungen sind strukturierte Bewegungen oder Aufgaben, die darauf abzielen, die für orale Funktionen benötigte Muskulatur zu aktivieren und deren Kontrolle zu verbessern. Abhängig von den individuellen Bedürfnissen können dabei Bewegungen von Zunge, Lippen, Kiefer, Wangen oder Gaumensegel einbezogen werden.

Logopäden können beispielsweise am Lippenschluss arbeiten, wenn Nahrung oder Flüssigkeit aus dem Mund austritt, an der Zungenlateralisierung bei einem Kind, das lernen soll, Nahrung zum Kauen zu den Backenzähnen zu transportieren, an der Kieferstabilität für kontrollierteres Abbeißen oder an Kraft und Koordination der Zunge für effizienteres Schlucken. In der Dysphagietherapie bei Erwachsenen können Schluckübungen Lippen, Kiefer, Zunge, Gaumensegel, Pharynx, Larynx und Atemmuskulatur einbeziehen.

Ein gutes mundmotorisches Übungsprogramm beginnt immer mit einer Frage: Welches funktionelle Ziel möchten wir verbessern? Und ebenso wichtig: Woher weiß die betroffene Person außerhalb des Therapieraums, ob sie die Übung richtig ausführt? Eine klare Demonstration und ein Spiegel zur visuellen Rückmeldung können den entscheidenden Unterschied machen – damit die richtige Bewegung geübt und nicht versehentlich ein falsches Bewegungsmuster gefestigt wird.


Therapeutin demonstriert eine mundmotorische Übung


Für wen könnten mundmotorische Übungen hilfreich sein?

1. Kinder mit Schwierigkeiten beim Essen oder Schlucken

Manche Kinder benötigen mundmotorische Unterstützung, wenn sie Schwierigkeiten beim Saugen, Kauen, beim Transport von Nahrung im Mund oder beim sicheren Schlucken haben. Dies kann beispielsweise im Zusammenhang mit pädiatrischen Fütterstörungen, Entwicklungsverzögerungen oder komplexen medizinischen Vorgeschichten auftreten.

Die ASHA beschreibt mundmotorische Behandlungsansätze als ein Spektrum von passiven bis hin zu aktiven Maßnahmen, die darauf abzielen, die physiologischen Grundlagen des oropharyngealen Mechanismus zu beeinflussen, und verweist hinsichtlich der wissenschaftlichen Evidenz auf ihre „Pediatric Feeding and Swallowing Evidence Map“. Die Evidenz für isolierte mundmotorische und sensorische Techniken bei pädiatrischen Fütterstörungen ist weiterhin begrenzt. Eine systematische Übersichtsarbeit zu mundmotorischen Übungen und Schlucken bei Kindern zeigte gemischte Ergebnisse für sämtliche untersuchten Endpunkte und kam zu dem Schluss, dass die Evidenz nicht ausreicht, um deren Wirkung eindeutig zu bestimmen (Arvedson et al., 2010).

Da motorisches Lernen aufgabenspezifisch ist (Kent, 2015), sollte die Übung möglichst eng an der eigentlichen Zielfertigkeit orientiert sein. In der Praxis bedeutet das: Die Therapie sollte unterstützen und sichere Möglichkeiten bieten, die tatsächliche Funktion zu üben – beispielsweise das Kauen von Nahrung – und sich nicht ausschließlich auf Mundbewegungen ohne Nahrung beschränken.

2. Kinder und Erwachsene mit orofazialen myofunktionellen Störungen

Orofaziale myofunktionelle Störungen (MFS) umfassen atypische Bewegungsmuster der Mund- und Gesichtsmuskulatur. Diese können die Zungenruhelage, das Schlucken, die Atmung, die Lautbildung, die Zahnentwicklung und die orale Kontrolle beeinflussen.

Die ASHA weist darauf hin, dass MFS über die gesamte Lebensspanne hinweg auftreten und gemeinsam mit Sprech- und Schluckstörungen vorkommen können.

Mögliche Anzeichen sind eine offene Mundhaltung in Ruhe, eine auffällige Zungenruhelage, ein Zungenvorstoß beim Schlucken, ein fehlender Lippenschluss, Speichelfluss über das vierte Lebensjahr hinaus, Zahnfehlstellungen, interdentale Sigmatismen oder Schwierigkeiten, einen stabilen Zungen-Gaumen-Kontakt aufrechtzuerhalten.

Bei diesen Patient können mundmotorische oder myofunktionelle Therapieziele beispielsweise die Verbesserung der Zungenruhelage, des Lippenschlusses, der Nasenatmung, der Differenzierung von Kiefer- und Zungenbewegungen, der Zungenposition am Gaumen, der oralen Wahrnehmung und funktioneller Schluckmuster umfassen.

Die ASHA betont, dass die Behandlung von MFS häufig die Zusammenarbeit eines interprofessionellen Teams erfordert, zu dem unter anderem Logopäden, Zahnärzte, Kieferorthopäden, Ärzte und HNO-Ärzte gehören können.

3. Kinder mit Aussprachestörungen – mit einer wichtigen Einschränkung!

Hier wird das Thema differenzierter.

Einige Kinder mit Ausspracheschwierigkeiten zeigen zusätzlich mundmotorische oder orofaziale Auffälligkeiten, die das Sprechen beeinträchtigen können, beispielsweise einen Zungenstoß, eine unzureichende Differenzierung von Zungen- und Kieferbewegungen, eine interdentale Artikulation oder einen unzureichenden bilabialen Verschluss. In diesen Fällen kann mundmotorische Arbeit die Wahrnehmung, Platzierung und funktionellen Bewegungsmuster unterstützen, die unmittelbar mit der Lautproduktion zusammenhängen.

Nicht-sprachliche mundmotorische Übungen sollten jedoch nicht als allgemeine Behandlung von Aussprachestörungen eingesetzt werden. Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2015 zu nicht-sprachlichen mundmotorischen Behandlungen bei entwicklungsbedingten Aussprachestörungen – mit einem Evidenzstand bis April 2014 – identifizierte lediglich drei kleine Studien mit insgesamt 22 Kindern und erheblichen methodischen Einschränkungen. Die Autor kamen zu dem Schluss, dass derzeit keine belastbare Evidenz dafür vorliegt, dass diese Ansätze als alleinige oder ergänzende Behandlung bei Kindern mit entwicklungsbedingten Aussprachestörungen wirksam sind (Lee & Gibbon, 2015). Eine systematische Übersichtsarbeit der ASHA kam zu einem ähnlichen Ergebnis und stellte fest, dass die Evidenz nicht ausreicht, um die Wirksamkeit mundmotorischer Übungen auf die Sprechproduktion zu bestätigen oder zu widerlegen (McCauley et al., 2009).

Die Botschaft ist daher eindeutig: Mundmotorische Übungen können hilfreich sein, wenn ein Kind ein spezifisches mundmotorisches, strukturelles, sensorisches, fütterungsbezogenes, schluckbezogenes oder orofazial-myofunktionelles Therapieziel hat. Bei der Lautproduktion sollten Übungen jedoch eng mit tatsächlichen Sprechbewegungen verknüpft sein und keine evidenzbasierte Artikulations- oder Phonologie-Therapie ersetzen.

4. Erwachsene nach Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder neurologischen Erkrankungen

Viele Erwachsene benötigen nach einem neurologischen Ereignis eine mundmotorische Rehabilitation oder Schlucktherapie. Schlaganfälle, Schädel-Hirn-Traumata, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, ALS, Demenz, schwere Erkrankungen, Intubationen und andere neurologische oder medizinische Erkrankungen können die Muskulatur und Koordination beeinträchtigen, die für Kauen, Schlucken, Speichelmanagement und Sprechen erforderlich sind.

Die ASHA berichtet über Dysphagieprävalenzen in verschiedenen neurologischen Populationen, darunter nach Schlaganfall (29–64 %), bei Morbus Parkinson (35–82 %), Multipler Sklerose (24–34 %), Demenz (13–57 %), Schädel-Hirn-Trauma (38–65 %) und nach Intubation (3–64 %). Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass die genauen epidemiologischen Zahlen je nach Erkrankung weiterhin nicht eindeutig definiert sind.

Anzeichen einer Dysphagie können unter anderem Speichelfluss und eingeschränktes orales Management, ein erhöhter Zeit- oder Kraftaufwand beim Kauen oder Schlucken, orale Rückstände nach dem Schlucken, Austritt von Nahrung oder Flüssigkeit aus dem Mund, eine feuchte oder gurgelnde Stimme, Husten während oder nach dem Essen und Trinken, wiederkehrende Atemwegsinfektionen sowie Gewichtsverlust oder Dehydrierung sein. Mangelernährung, Dehydrierung und Aspirationspneumonie zählen zu den möglichen Folgen einer unbehandelten Dysphagie.

Mundmotorische und schlucktherapeutische Ziele können bei diesen Erwachsenen beispielsweise die Verbesserung der Zungenkraft, des oralen Bolushaltens, der Kaueffizienz, des Bolustransports, des Atemwegsschutzes, des Schlucktimings, der Ausdauer während der Mahlzeiten und einer sicheren oralen Nahrungsaufnahme umfassen. Die Behandlung muss auf Grundlage der Befunderhebung individuell angepasst werden und sollte bei Bedarf instrumentelle Untersuchungen wie VFSS oder FEES einbeziehen.

5. Menschen mit Dysphagie nach einem Schlaganfall

Die post-stroke Dysphagie verdient besondere Aufmerksamkeit, da sie häufig auftritt und schwerwiegende Folgen haben kann. Ein Cochrane-Review weist darauf hin, dass Schluckstörungen nach einem Schlaganfall mit Verschlucken, Atemwegsinfektionen, einer geringeren Lebensqualität, längeren Krankenhausaufenthalten sowie einem erhöhten Risiko für Tod oder Entlassung in eine Pflegeeinrichtung verbunden sind.

Dieselbe Übersichtsarbeit – mit 41 Studien und 2.660 Teilnehmenden sowie einem Evidenzstand bis Juni 2018 – zeigte, dass Schlucktherapie insgesamt weder Mortalität oder Behinderung reduzierte noch zu einem sichereren Schlucken führte. Einige einzelne Therapieansätze schienen jedoch die Schluckfähigkeit zu verbessern, die Dauer des Krankenhausaufenthalts zu verkürzen oder das Risiko für Atemwegsinfektionen beziehungsweise Pneumonien zu reduzieren. Die Qualität der Evidenz wurde überwiegend als sehr niedrig, niedrig oder moderat eingestuft; weitere hochwertige Studien sind erforderlich (Bath et al., 2018).

Dies zeigt besonders deutlich, warum mundmotorische und schlucktherapeutische Übungen zielgerichtet und therapeutisch angeleitet sein sollten. Welche Übung geeignet ist, hängt von der zugrunde liegenden Schluckphysiologie ab – nicht allein von der Diagnose.

6. Erwachsene in der Rehabilitation nach Kopf-Hals-Tumoren

Menschen, die aufgrund von Kopf-Hals-Tumoren behandelt werden, können Veränderungen beim Sprechen und Schlucken sowie hinsichtlich Kieferöffnung, Zungenbeweglichkeit, Speichel, Geschmack, Schmerzen und oraler Nahrungsaufnahme erfahren. Operationen, Bestrahlungen und Radiochemotherapien können zu einem eingeschränkten Bewegungsumfang, Fibrosen, Trismus, Muskelschwäche, Schmerzen und Dysphagie führen.

Die ASHA weist darauf hin, dass logopädische Behandlung vor, während und nach der Krebstherapie stattfinden kann. Vor Beginn der Behandlung können Patient beispielsweise Beratung und Anleitung zu Schluckübungen erhalten, um Beeinträchtigungen möglichst zu vermeiden oder zu reduzieren. Nach der Behandlung kann die Therapie Sprech-, Stimm- und Schluckübungen umfassen, um fibrosebedingten Spätfolgen entgegenzuwirken.

In der Rehabilitation nach Kopf-Hals-Tumoren zielen prophylaktische und rehabilitative Übungen häufig darauf ab, Kraft, Bewegungsumfang und Ausdauer der oropharyngealen und laryngealen Muskulatur sowie Schluckeffizienz und orale Nahrungsaufnahme zu erhalten oder wiederherzustellen.

Laut ASHA konzentriert sich die prophylaktische Dysphagietherapie in der Regel darauf, Kraft und Bewegungsumfang der oropharyngealen und laryngealen Muskulatur zu erhalten. Beispiele hierfür sind isometrische Zungenübungen, Übungen zur Kehlkopfhebung, das Shaker-Manöver, EMST und Beweglichkeitsübungen. Gerade bei diesen Übungen ist eine konsequente tägliche Wiederholung – häufig mit genau festgelegten Haltezeiten und Wiederholungszahlen – wichtiger als eine einzelne Therapiesitzung. Strukturierte Übungen zu Hause spielen für diese Patientengruppe daher eine besonders wichtige Rolle.

7. Menschen mit progredienten neurologischen Erkrankungen

Bei progredienten Erkrankungen wie Morbus Parkinson, ALS und einigen Demenzformen können sich die Therapieziele im Verlauf verändern. Der Schwerpunkt kann darauf liegen, Funktionen möglichst lange zu erhalten, eine sichere Nahrungsaufnahme zu unterstützen, Ermüdung zu reduzieren, Angehörige und Pflegepersonen anzuleiten, Nahrungs- und Flüssigkeitskonsistenzen anzupassen, kompensatorische Strategien einzuführen und die Lebensqualität zu erhalten.

Bei Morbus Parkinson umfassen logopädische Leitlinien Empfehlungen zur Dysphagieberatung, zu Strategien für sicheres Schlucken, zur multidisziplinären Versorgung und zu regelmäßigen Verlaufskontrollen. Auf Grundlage von Expertenmeinungen wird in derselben Leitlinie außerdem davon abgeraten, isolierte Übungen für Atmung, Stimme, Mundmotorik oder Artikulation zur Verbesserung der Verständlichkeit bei hypokinetischer Dysarthrie einzusetzen, da keine konsistenten Verbesserungen nachgewiesen wurden. Stattdessen empfiehlt die Leitlinie ausdrücklich intensive Stimmtherapie (LSVT). Die große randomisierte PD-COMM-Studie zeigte inzwischen, dass LSVT LOUD hinsichtlich der von Patient selbst wahrgenommenen Auswirkungen von Stimmproblemen wirksamer war als keine Therapie (Sackley et al., 2024). Diese Unterscheidung ist wichtig: Die Einschränkung bezieht sich auf isolierte, nicht-funktionelle Übungen einzelner Komponenten – nicht auf intensive, hochfrequente Stimmtherapie.

Für ALS empfehlen vorläufige Best-Practice-Empfehlungen eine Überprüfung der Sprechfunktion beim ersten Termin, eine Untersuchung der oralen Strukturen und Motorik, ein Schluckscreening sowie eine umfassende Schluckdiagnostik, sobald Hinweise auf eine Funktionsstörung vorliegen. Da ALS eine degenerative Erkrankung ist, empfehlen diese Leitlinien außerdem bereits zum Zeitpunkt der Diagnose eine Evaluation hinsichtlich Unterstützter Kommunikation (UK) – unabhängig davon, ob zu diesem Zeitpunkt bereits eine Sprechbeeinträchtigung besteht (Pattee et al., 2019).

Daraus ergibt sich eine wichtige klinische Botschaft: Bei progredienten Erkrankungen können mundmotorische Übungen für manche Patient und in bestimmten Krankheitsstadien sinnvoll sein. Sie müssen jedoch sorgfältig ausgewählt werden, um unnötige Ermüdung zu vermeiden und dem aktuellen medizinischen und funktionellen Zustand der Person zu entsprechen.

8. Ältere Erwachsene mit Dysphagie oder altersbedingten Veränderungen des Schluckens

Bei älteren Erwachsenen können Veränderungen des Schluckens im Zusammenhang mit Sarkopenie, neurologischen Erkrankungen, verminderter Kraft und Sensibilität, Zahnveränderungen oder komplexen medizinischen Situationen auftreten. Mundmotorische und schlucktherapeutische Übungen können unter anderem auf Zungenkraft, Atemwegsschutz, Schlucktiming, orale Kontrolle oder Ausdauer während der Mahlzeiten abzielen.

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Netzwerk-Metaanalyse aus dem Jahr 2025 zu Schluckrehabilitationsübungen bei Erwachsenen ab 65 Jahren zeigte signifikante Verbesserungen durch bestimmte Interventionen: das Masako-Manöver hinsichtlich des Schweregrads der Dysphagie, EMST hinsichtlich des Aspirationsrisikos und Zungenwiderstandsübungen hinsichtlich der Zungenkraft. Keine signifikanten Effekte zeigten sich hingegen für die Öffnung des oberen Ösophagussphinkters, den Kehlkopfverschluss oder die schluckbezogene Lebensqualität. Die Autor forderten weitere Untersuchungen zur langfristigen Wirksamkeit und zu optimalen Kombinationen verschiedener Trainingsansätze (Chen et al., 2025).

Mit anderen Worten: Das Forschungsfeld ist vielversprechend, die Intervention sollte jedoch weiterhin individuell und ergebnisorientiert gestaltet werden.

Welche Ziele verfolgen mundmotorische Übungen?

Mundmotorische Übungen können verschiedene therapeutische Ziele unterstützen:

Kraft und Ausdauer: Unterstützung von Lippen, Zunge, Wangen, Kiefer oder schluckrelevanter Muskulatur, wenn eine Muskelschwäche die Funktion beeinträchtigt.

Bewegungsumfang: Unterstützung dabei, Zunge, Kiefer, Lippen oder Gaumensegel vollständiger und leichter zu bewegen – insbesondere nach Operationen, Bestrahlungen, neurologischen Schädigungen oder bei eingeschränkten Bewegungsmustern.

Koordination: Verbesserung von Timing und Kontrolle oraler Bewegungen, die für Kauen, Bolusformung, Schlucken oder sprechbezogene Artikulationsbewegungen erforderlich sind.

Orale Wahrnehmung und sensorische Regulation: Unterstützung einer besseren Wahrnehmung und Kontrolle der oralen Strukturen, insbesondere wenn eine verminderte oder erhöhte orale Sensibilität die Nahrungsaufnahme oder orale Funktionen beeinflusst.

Lippenschluss und orale Kontrolle: Reduzierung des Austritts von Speichel, Nahrung oder Flüssigkeit aus dem Mund.

Zungenbewegung und Boluskontrolle: Unterstützung von Zungenlateralisierung, -hebung, -retraktion und -propulsion für Kauen und Schlucken.

Kau- und Nahrungsaufnahmeeffizienz: Unterstützung dabei, verschiedene Konsistenzen sicherer und angenehmer zu bewältigen.

Speichelmanagement: Unterstützung der oralen Kontrolle bei Patient mit vermehrtem Speichelfluss oder Schwierigkeiten beim Umgang mit Sekret.

Unterstützung des Sprechens: Unterstützung von Artikulationsstellen und Bewegungsmustern, wenn ein klar identifizierter mundmotorischer oder orofazial-myofunktioneller Faktor die Sprechproduktion beeinflusst – jedoch nicht als Ersatz für Artikulations- oder Phonologie-Therapie.

Transfer in den Alltag: Strukturierte und regelmäßige Übungsmöglichkeiten für Patient und Angehörige zwischen den Therapiesitzungen.


Wann reichen mundmotorische Übungen nicht aus?

Mundmotorische Übungen sind keine Universallösung für jede Kommunikations-, Fütter- oder Schluckstörung. Sie sollten weder eine umfassende logopädische Diagnostik noch eine medizinische Abklärung, eine instrumentelle Schluckdiagnostik bei entsprechender Indikation oder eine direkte Sprech-, Fütter- oder Schlucktherapie ersetzen.

Auch strukturelle Probleme lassen sich nicht grundsätzlich durch mundmotorische Übungen beheben. Eine Leitlinie des Royal College of Speech & Language Therapists, die in der Evidence Map der ASHA zu velopharyngealen Funktionsstörungen zusammengefasst wird, stuft beispielsweise nicht-sprachliche mundmotorische Behandlungsansätze – darunter Gaumenübungen, Massagen, Pusten, Saugen, Kältestimulation, unterbrochenes Schlucken, Aufblasen der Wangen und das Auslösen des Würgereflexes – als ungeeignete Interventionen zur Behandlung von Sprechstörungen infolge einer velopharyngealen Dysfunktion ein (Evidenzgrad C).

Der sicherste und evidenzorientierteste Ansatz besteht darin, folgende Fragen zu stellen:

• Was ist das funktionelle Problem?

• Welche Struktur oder Bewegung schränkt die Funktion ein?

• Steht die Übung in direktem Zusammenhang mit der Alltagsfähigkeit, die wir verbessern möchten?

• Wie werden wir den Fortschritt messen?

Warum ist das Üben zu Hause so wichtig?

Viele mundmotorische und schlucktherapeutische Ziele erfordern Wiederholung, Regelmäßigkeit und einen Transfer über den Therapieraum hinaus. Genau hier wird angeleitetes Üben zu Hause besonders wertvoll – gleichzeitig ist es dort jedoch am schwierigsten zu kontrollieren.

Wenn Patient nicht sicher sind, ob sie den richtigen Muskel bewegen, oder Angehörige versuchen, einem Kind dabei zu helfen, eine bestimmte Position korrekt zu halten, kann schnell ein falsches Bewegungsmuster geübt und gefestigt werden, ohne dass es jemand bemerkt.

Ein verständliches Demonstrationsvideo und ein Spiegel für visuelles Feedback in Echtzeit können diese Lücke schließen. So erhalten Patient auch beim selbstständigen Üben eine ähnliche visuelle Kontrolle, wie sie ihnen Logopäden während einer Therapiesitzung geben würden.

Wie können digitale Tools das mundmotorische Üben zu Hause unterstützen?

Digitale Therapieübungen lösen gleich drei praktische Probleme.

Erstens sorgen sie für ein einheitliches Modell: Patienten sehen bei jeder Durchführung dieselbe korrekte Demonstration, anstatt sich auf ihre Erinnerung oder ein Arbeitsblatt verlassen zu müssen.

Zweitens nehmen sie die vorgegebene Übungsdosis mit nach Hause: Festgelegte Haltezeiten und Wiederholungszahlen sind direkt in der Übung enthalten und müssen nicht auf einem Notizzettel festgehalten werden.

Drittens machen sie das Üben nachvollziehbar. Therapeuten können überprüfen, was tatsächlich durchgeführt wurde, bevor sie den Therapieplan entsprechend anpassen.

Eine geräteunabhängige Teletherapie-Plattform ermöglicht außerdem, dieselbe Übung in der Praxis, während eines Online-Termins oder zu Hause am Küchentisch zu verwenden – ohne Downloads und ohne zusätzliche Einrichtung für Angehörige.

Fazit

Mundmotorische Übungen können für eine Vielzahl von Patientengruppen hilfreich sein: für Kinder mit Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme oder mundmotorischen Entwicklungsverzögerungen, für Menschen mit orofazialen myofunktionellen Störungen oder Dysphagien, für Erwachsene nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma, für Menschen in der Rehabilitation nach Kopf-Hals-Tumoren, für Personen mit progredienten neurologischen Erkrankungen sowie für ältere Erwachsene mit Veränderungen des Schluckens.

Entscheidend ist jedoch die klinische Entscheidungsfindung. Mundmotorische Übungen sind dann am sinnvollsten, wenn es sich nicht um zufällige Bewegungen handelt, sondern um gezielte, bedeutungsvolle und funktionelle Übungen. Wenn sie von Logopäden angeleitet und durch klar strukturierte, korrekt dosierte Übungen zu Hause ergänzt werden, können sie dabei helfen, Fähigkeiten zu stärken, die Koordination zu verbessern, Rehabilitation zu unterstützen und Fortschritte über die eigentliche Therapiesitzung hinaus zu fördern.

Jetzt verfügbar: In den neuen Cognishine-Übungen für Mundmotorik und Schlucken findest du weitere angeleitete, evidenzbasierte Therapieübungen wie die oben gezeigten. Als Teil unserer umfangreichen Bibliothek mit Tools für die Sprach-, Sprech- und Schlucktherapie wurden sie speziell für Therapeuten entwickelt. Die Übungen können direkt zugewiesen werden und bieten spiegelbasiertes visuelles Feedback, individuell anpassbare Haltezeiten und Wiederholungszahlen sowie personalisierte Notizen – für die Therapie vor Ort, per Teletherapie oder zu Hause.


Über die Autorin

Alona Novak ist Logopädin bei Cognishine und lebt in Portugal. Darüber hinaus arbeitet sie als praktizierende Logopädin in der Schlaganfallrehabilitation mit den Schwerpunkten Aphasie, Sprechapraxie und Dysarthrie. Außerdem behandelt sie Stimmstörungen und bietet Therapien auf Hebräisch und Russisch an.

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